Redefreiheit für den Glauben

Bronzetafeln an der Clemens-August-Brücke in Lippetal-Lippborg.
Bronzetafeln an der Clemens-August-Brücke in Lippetal-Lippborg.

Als Clemens August von Galen am 28. Oktober 1933, neun Monate nach der Machtergreifung Hitlers, im St.-Paulus-Dom zum Bischof geweiht wurde, gab er seinen Wahlspruch bekannt: "Weder Lob nach Furcht". Neutestamentler Thomas Söding beleuchtet den biblischen Hintergrund

Es ist ein Wort aus der Liturgie der Bischofsweihe, das Clemens August, leicht abgewandelt, als Wahlspruch gewählt hat. In seinem ersten Hirtenbrief vom 28. Oktober 1933 (siehe Kasten unten) zitiert und kommentiert er es: Ein Bischof "liebe die Demut und die Wahrheit; niemals darf er sie vernachlässigen, aut laudibus aut timore superatus, durch Menschenlob oder Menschenfurcht überwunden." Und Galen erläutert: "Das soll mein Wahlspruch sein, das soll uns allen Richtschnur sein. Nicht Menschenlob, nicht Menschenfurcht soll uns bewegen. Aber das Lob Gottes zu fördern, sei unser Ruhm, selbst in heiliger Gottesfurcht zu leben, sei unser beharrliches Streben."

Die Stunde dieses Wortes war gekommen, als Galen 1941 drei Predigten gegen die Euthanasie, die Ermordung "armer, wehrloser Kranker" hielt. Sie trafen den Nationalsozialismus ins Mark. Sie trafen den Nerv des Evangeliums. Diese Predigten sind es, die im Rückblick seinen Wahlspruch leuchten lassen. Sein Protest war furchtlos; er war ein klares Bekenntnis zum einen Gott und zur Gottebenbildlichkeit des Menschen; sein Protest war nicht auf Menschenlob aus, sondern hat ihn an den Rand des Martyriums gebracht.

Die Macht des Wortes

Die römische Liturgie, der Galens Motto entstammt, steht in der Tradition paulinischer Theologie. Sie greift auf die neutestamentlichen Pastoralbriefe an Timotheus und Titus zurück, in denen erstmals das Amt eines Bischofs, des Leiters einer Ortskirche, profiliert wird. Die Weihegebete nehmen viele Motive der Pastoralbriefe auf. Bei einer Bischofsweihe wird bis heute aus den Pastoralbriefen gelesen.

Als sie geschrieben wurden, gab es harten Streit um die rechte Lehre. Die Pastoralbriefe setzen darauf, dass es christliche Lehrer gibt, die wissen, wovon sie sprechen und wann sie ihre Stimme erheben müssen. Es ist die paulinische Strategie, auf die Macht des Wortes zu setzen, der gläubigen Vernunft, des mutigen Zeugnisses, der öffentlichen Stellungnahme.

Timotheus und Titus werden in den Pastoralbriefen zur Verkündigung des Evangeliums angehalten, "ob gelegen oder ungelegen" (2 Tim 4,2). Ihre wichtigste Aufgabe ist es, für die "gesunde Lehre" einzutreten – also das Evangelium so zu verkünden, dass es nicht krank macht, sondern Kranke heilt. Sie sollen durch die Auswahl geeigneter Bischöfe, Presbyter und Diakone dafür Sorge tragen, dass es an mutigen, überzeugenden, kompetenten Lehrern, Katecheten und Predigern auch in Zukunft nicht fehlt.

Hinter der Strategie der Pastoral­briefe, die Kirche durch gute Lehrer leiten zu lassen, steckt eine tiefe Glaubensüberzeugung: Das Evangelium braucht das Licht der Öffentlichkeit nicht zu scheuen. Je offener geredet wird, desto besser. Die Pastoralbriefe streiten gegen "Gnostiker", die sich auf Geheimlehren Jesu berufen und am liebsten hinter vorgehaltener Hand einander die verborgenen "Wahrheiten" Christi zugeraunt haben. Im Gegensatz dazu werden Timotheus und Titus aufgefordert, nicht in geheimen Zirkeln, nicht in kleinen Nischen, sondern in der kirchlichen Öffentlichkeit den Glauben zu bezeugen, mitten in der Stadt, mitten im Dorf, mitten in der Welt. Sie sollen unerschrocken und unverfälscht reden, klug und besonnen, verständlich und verbindlich – so, dass Leben und Lehre übereinstimmen. Timotheus wird ermuntert: "Gott hat uns nicht den Geist der Furcht gegeben, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit" (2Tim 1,7). An die Adresse des Titus heißt es (frei übersetzt): "Gib selbst ein Beispiel guter Werke; sei als Lehrer nicht korrupt, sondern seriös; argumentiere sauber, Kritik darf dir nichts anhaben, damit dein Kontrahent sich schämt und mit der üblen Nachrede gegen uns aufhört" (Tit 2,6).

In aller Öfffentlichkeit

Paulus selbst ist das große Vorbild für Timotheus und Titus. Als Paulus sich in Milet von den ephesinischen Presbytern verabschiedet, nimmt er für sich in Anspruch: "Nichts habe ich von dem zurückgehalten, was ihr braucht; verkündet und gelehrt habe ich in aller Öffentlichkeit und von Haus zu Haus" (Apg 20,20). Bei der Gründung der Gemeinde von Philippi wird er widerrechtlich verhaftet, weil er durch seine Glaubenspredigt angeblich die öffentliche Ordnung gestört habe. Aber obwohl er hätte fliehen können, ruht er nicht, bis er öffentlich rehabilitiert wird. Als die Stadtoberen den Skandal vertuschen wollen, erklärt Paulus: "Ohne Urteil haben sie uns öffentlich geschlagen, obgleich wir Römer sind, und ins Gefängnis geworfen. Und jetzt wollen sie uns heimlich fortschicken? Nein, sie sollen persönlich kommen und uns hinausführen" (Apg 16, 37). Paulus nimmt das Recht der freien Rede für sich in Anspruch, das Recht auf Meinungs-, Glaubens- und Gewissensfreiheit. Er sucht die Öffentlichkeit, damit Recht nicht Unrecht wird. Er weiß, dass er nur so das Recht Gottes und die Rechte der Menschen verteidigen kann.

Der Freimut Jesu

Das große Vorbild des Apostels Paulus ist Jesus. Da er von Hannas, dem Schwiegervater des Hohenpriesters Kaiaphas, verhört wird, erklärt Jesus: "Ich habe freimütig vor aller Welt geredet; ich habe immer in der Synagoge und im Tempel gelehrt, wo alle Juden zusammenkommen" (Joh 18,20).

Auf die öffentliche Rede zu setzen, ist bei Paulus wie bei Jesus nicht nur Taktik; es geht nicht darum, durch rhetorische Tricks und spektakuläre Auftritte möglichst große Missions­erfolge zu erzielen. Der tiefe Grund, auf die Macht des Wortes zu setzen, liegt in der Wahrheit des Evangeliums. Jesus zerreißt die Lügengespinste, mit denen Menschen sich vormachen, ihr eigener Gott zu sein. Jesus setzt auf die befreiende Kraft der Wahrheit, weil er weiß, dass jede Verdrängung krank macht, jeder Betrug Selbst­betrug ist, jede Unmündigkeit versklavt. Mit seinem Leben tritt Jesus für die Wahrheit ein. Nur wer Gott die Ehre gibt, kann auch die Ehre eines jeden Menschen erkennen; denn nur wer Gott als Schöpfer und Erlöser sieht, kann erkennen, dass jedes Menschenkind ein Gotteskind ist. Freimütig diese Wahrheit zu sagen, heißt: ohne Angst und ohne Besserwisserei, ohne Glaubenshärte und ohne falsche Bescheidenheit, sondern in Demut und Liebe, in Klarheit, Nüchternheit und Wachsamkeit.

Die Wahrheit der Liebe

Clemens August hat nicht lediglich eine Ansicht über die Euthanasie vorgetragen, er hat die Wahrheit gesagt. Er hat sie als Bischof gesagt: Er hat sie öffentlich gesagt; er hat sie von der Kanzel in der Kirche gesagt, sodass die ganze Stadt, die ganze Nation, die ganze Welt sie hören konnte. Mit traumwandlerischer Sicherheit hat er alles richtig gemacht, was tun muss, wer sich für Entrechtete einsetzt, ohne im Umgang mit Diktatoren korrumpiert zu werden: Er hat Ross und Reiter, Zeit und Stunde, Mittel und Wege genannt. Er ist keine Kompromisse eingegangen; er hat klar gesagt, für wen er sich einsetzt und warum. Die große Stunde des Bischofs von Münster war eine große Stunde der Wahrheit und der Freiheit.

Die Wahrheit des Glaubens ist die Liebe. Die Liebe hat keine Angst vor Gott, sie hat auch keine Angst vor den Menschen. Die Liebe, schreibt Paulus, "freut sich nicht über das Unrecht, sondern freut sich an der Wahrheit; Alles trägt sie, alles glaubt sie, alles hofft sie, allem hält sie stand" (1Kor 13,6).

Text: Prof. Dr. Thomas Söding in Kirche+Leben
Foto: Archiv
04.10.2005

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