Bischofswort zur Seligsprechung

Bischof Reinhard Lettmann würdigte das Leben von Kardinal von Galen in einem Hirtenwort.
Bischof Reinhard Lettmann würdigte das Leben von Kardinal von Galen in einem Hirtenwort.

Bischof Reinhard Lettmann hat in seinem Hirtenbrief zur Seligsprechung Kardinal von Galens am 9. Oktober in Rom die Gläubigen aufgefordert, im Engagement des Kardinals ein Vorbild für die eigene Glaubenstreue zu sehen. Er fordert darin auf, "in kritischer Zeitgenossenschaft unsere christlichen Überzeugungen vom Wert des menschlichen Lebens unerschrocken und profiliert in unsere Gesellschaft einzubringen". "kirchensite" dokumentiert das Hirtenwort im Wortlaut:

Liebe Schwestern und Brüder!

Am 09. Oktober 2005 wird der Heilige Vater meinen Vorgänger im Bischofsamt, Bischof Clemens August Kardinal von Galen, selig sprechen.

1. Was bedeutet eine Seligsprechung?

In unserem Glaubensbekenntnis nennen wir die Kirche die Gemeinschaft der Heiligen. Sie ist die Gemeinschaft derer, die durch Glaube und Taufe zu Christus gehören und in seinem Geist miteinander verbunden sind. Weil Gottes heiliger Geist sie eint, nennen wir sie die Gemeinschaft der Heiligen.

Diese Gemeinschaft endet nicht mit dem Tod. Wir glauben an die bleibende Gemeinschaft mit den vielen, die ihr ewiges Ziel bei Gott erreicht haben.

Seit frühester Zeit hat die Kirche bestimmte Christen als Heilige verehrt und im Glauben von ihnen bekannt, dass sie endgültig bei Gott sind. Wir verehren sie als Vorbilder und gültige Beispiele christlichen Lebens. Sie machen uns Mut, dass auch wir uns auf den Weg Jesu einlassen. Dabei rufen wir ihre Fürbitte an in dem gläubigen Bewusstsein, dass das fürbittende Gebet der Schwestern und Brüder, die ihr Ziel bei Gott erreicht haben, von besonderer Bedeutung ist.

Die Seligsprechung stellt uns Bischof Clemens August Kardinal von Galen als glaubwürdigen Zeugen christlichen Lebens vor Augen.

Was ist der Unterschied zwischen Seligsprechung und Heiligsprechung? Die Seligsprechung stellt einen Menschen als Bild und Beispiel christlichen Lebens für die Kirche eines Landes oder eines Bistums oder für eine bestimmte Gemeinschaft heraus. Die Heiligsprechung dehnt diese Verehrung auf die ganze Weltkirche aus.
 
2. Wer ist Clemens August Graf von Galen?

Clemens August Graf von Galen wurde am 16.03.1878 auf der Burg Dinklage im Oldenburgischen Teil des Bistums Münster geboren. Als elftes von dreizehn Kindern wuchs er in der Geborgenheit seiner gläubigen Familie auf.

Nach dem Abitur studierte er in Innsbruck und Münster Theologie und wurde am 28.05.1904 zum Priester geweiht.

Nach der Priesterweihe wurde Clemens August zunächst Domvikar am Dom zu Münster mit dem Auftrag, seinen Onkel, Weihbischof Maximilian Gereon Graf von Galen, auf seinen Firmungsreisen durch das Bistum Münster zu begleiten. In dieser Tätigkeit lernte er viele Pfarreien im großen Bistum Münster kennen.

1906 wurde Clemens August zum Kaplan an St. Matthias in Berlin ernannt. Damit begann eine 23-jährige priesterliche Tätigkeit als Kaplan und Pfarrer in der Reichshauptstadt. Er erlebte in Berlin die schwere Zeit des 1. Weltkrieges, die Wirren der Nachkriegszeit und einen großen Teil der Zeit der Weimarer Republik. Die Diaspora-Situation in der Großstadt Berlin stellte ihn vor große pastorale Anforderungen.

1929 wurde Graf von Galen ins Bistum Münster zurückgerufen und zum Pfarrer an der Stadt- und Marktkirche St. Lamberti in Münster ernannt. Nach dem Tod von Bischof Johannes Poggenburg wurde er vom Domkapitel zum Bischof von Münster gewählt. Am 28.10.1933 empfing er die Bischofsweihe. Als Wahlspruch wählte er das Wort: "Nec laudibus – nec timore."

Bischof Clemens August begann sein bischöfliches Wirken mit der Eröffnung der "Ewigen Anbetung" in der Servatii-Kirche in Münster. Dies ist bezeichnend für seine tiefe persönliche Frömmigkeit. Sie zeigt sich auch in einer lebendigen Marienverehrung. Gern und häufig pilgerte er allein zu Fuß in der Morgenfrühe nach Telgte, einem Wallfahrtsort 12 km von Münster entfernt, um am Gnadenbild der Schmerzhaften Mutter die heilige Messe zu feiern.

Schon in seinem ersten Fastenhirtenbrief 1934 entlarvte Bischof Clemens August die neuheidnische Ideologie des Nationalsozialismus. Immer wieder trat er in den folgenden Jahren für die Freiheit der Kirche und der kirchlichen Verbände und für die Erhaltung des Religionsunterrichtes an den Schulen ein. Er wusste sich dabei von den Priestern und Laien im Bistum Münster getragen. Vor allem seine zahlreichen Firmungsreisen durch die Dekanate des Bistums wurden trotz aller Schikanen der nationalsozialistischen Partei und der Geheimen Staatspolizei zu unübersehbaren Kundgebungen des Glaubens und der Solidarität.

In einer großen Predigt im Dom zu Xanten, am Grab des heiligen Viktor, eines Märtyrers aus frühchristlicher Zeit, klagt Bischof Clemens August im Frühjahr 1936 das national-sozialistische Regime an, Christen wegen ihres Glaubens zu diskriminieren, ins Gefängnis zu werfen und sogar zu töten. Er sagte: "Es gibt in deutschen Landen frische Gräber, in denen die Asche solcher ruht, die das Deutsche Volk für Märtyrer hält." Diese Predigt fand über die Grenzen Deutschlands hinaus nachhaltigen Widerhall. Schon damals rechnete der Bischof mit der Möglichkeit, dass auch er der Freiheit beraubt und an der Ausübung des bischöflichen Amtes gehindert werden könnte.

Bischof Clemens August gehörte zu den Bischöfen, die Papst Pius XI. im Januar 1937 nach Rom einlud, um mit ihnen über die Situation in Deutschland zu sprechen und das Weltrundschreiben "Mit brennender Sorge" vorzubereiten, in dem er das national-sozialistische Regime vor der Weltöffentlichkeit anklagte.
 Gemeinsam mit den übrigen Bischöfen trat Bischof Clemens August in verschiedenen Hirtenbriefen der Rassenideologie des Nationalsozialismus entgegen. Er gehörte zu den Bischöfen in der Fuldaer Bischofskonferenz, die ein energischeres Auftreten gegenüber dem Nationalsozialismus auch in der Öffentlichkeit forderten.

1941, als das "Dritte Reich" auf dem Höhepunkt seiner Macht stand, begannen die staatlichen Stellen, Klöster zu beschlagnahmen und Ordensleute zu vertreiben. Gleichzeitig wurde bekannt, dass größere Aktionen zur Tötung geistig behinderter Menschen durchgeführt wurden. In drei großen Predigten am 13. und 20.07. sowie am 03.08. prangerte der Bischof in aller Öffentlichkeit diese Unrechtsmaßnahmen an. In der Predigt am 03.08. klagt Bischof Clemens August das nationalsozialistische Regime des Mordes an geistig kranken Menschen an. Er weist darauf hin, dass seine schriftlichen Einsprüche und Proteste nichts genutzt haben.

"So müssen wir damit rechnen, dass die armen, wehrlosen Kranken über kurz oder lang umgebracht werden. Warum? … Weil sie nach dem Urteil eines Amtes, nach dem Urteil irgendeiner Kommission 'lebensunwert' geworden sind, weil sie nach diesem Gutachten zu den  'unproduktiven' Volksgenossen gehören! Man urteilt: Sie können nicht mehr produzieren, sie sind wie eine alte Maschine, die nicht mehr läuft, sie sind wie ein altes Pferd, das unheilbar lahm geworden ist. Sie sind wie eine Kuh, die nicht mehr Milch gibt. Was tut man mit solch alter Maschine? Sie wird verschrottet. Was tut man mit einem lahmen Pferd, mit solch einem unproduktiven Stück Vieh? Nein, ich will den Vergleich nicht zu Ende führen, so furchtbar seine Berechtigung ist und seine Leuchtkraft … Wenn einmal zugegeben wird, dass Menschen das Recht haben, 'unproduktive' Mitmenschen zu töten – und wenn es jetzt auch nur arme, wehrlose Geisteskranke trifft –, dann ist grundsätzlich der Mord an allen unproduktiven Menschen, also den unheilbar Kranken, den Invaliden der Arbeit und des Krieges, dann ist der Mord an uns allen, wenn wir alt und altersschwach und damit unproduktiv werden, freigegeben."

Diese Predigten des Bischofs erregten weithin Aufsehen. Sie wurden geheim vervielfältigt und weitergegeben bis über die Grenzen Deutschlands hinaus. Der Bischof rechnete damit, dass die Gestapo ihn nach diesen Predigten verhaften würde. Der damalige Reichsleiter Bohrmann schlug Hitler vor, den Bischof von Münster zu verhaften und zu erhängen. Die nationalsozialistische Führung fürchtete jedoch, dass in einem solchen Fall die Bevölkerung des Bistums Münster für die Dauer des Krieges abzuschreiben sei. Es bedrückte den Bischof, dass an seiner statt 24 Weltpriester und 13 Ordensgeistliche aus der Diözese Münster ins Konzentrationslager gebracht wurden und 10 von ihnen ums Leben gekommen sind.
 Der Krieg zerstörte den Dom und die Wohnung des Bischofs. In der brennenden Stadt Münster suchte er die Menschen zu trösten.

In den schweren Monaten der Nachkriegszeit war Bischof Clemens August eine Persönlichkeit, an der sich viele aufrichteten. Mit Freimut trat er auch den Besatzungsbehörden entgegen, wenn es galt, Not und Unrecht zu beseitigen oder zu verhindern. Entschieden widersprach er der damals umgehenden Meinung von der Kollektivschuld der Deutschen.

Papst Pius XII. berief Bischof Clemens August am 18.02.1946 in das Kardinals-kollegium. Es war eine Anerkennung und Ehrung für seine unerschrockene Haltung in der Zeit des Nationalsozialismus. Der überfüllte Petersdom jubelte ihm, dem "Löwen von Münster" zu, als er aus der Hand des Papstes die Kardinalswürde entgegennahm.

Am 16.03. wurde Kardinal von Galen bei seiner Rückkehr nach Münster von einer großen Volksmenge begeistert empfangen. Vor den Trümmern des Domes hielt er vor 50 000 Anwesenden seine letzte Predigt. Am Tag darauf erkrankte er schwer. Eine Operation konnte keine Hilfe mehr bringen. Er starb am 22.03.1946 und fand sein Grab in der Ludgeruskapelle des zerstörten Domes.

Anlässlich seiner zweiten Deutschlandreise besuchte Papst Johannes Paul II. am 01.05.1987 den Dom zu Münster, um die Persönlichkeit des Kardinals zu ehren und an seinem Grab zu beten.

3. Was bedeutet die Seligsprechung des Kardinals für uns heute?

Die Seligsprechung stellt uns in Kardinal von Galen ein Vorbild vor Augen, unsere eigene Glaubenstreue neu zu festigen und in kritischer Zeitgenossenschaft unsere christlichen Überzeugungen vom Wert des menschlichen Lebens unerschrocken und profiliert in unsere Gesellschaft einzubringen.

Seine tiefe persönliche Frömmigkeit, seine Treue zu Jesus Christus und sein Einsatz aus dem Glauben für Leben und Recht der Menschen sind uns ein Vermächtnis im Einsatz gegen alle um sich greifende Gedanken, sich als Herren des Lebens aufzuspielen und den Beginn und das Ende des menschlichen Lebens zu manipulieren.

Wir freuen uns auf die bevorstehende Seligsprechung. In dieser Freude grüße ich Sie alle.

Herzliche Segenswünsche, Ihr Reinhard Lettmann, Bischof von Münster


Text: pd
Foto: Michael Bönte, Kirche+Leben
Oktober 2005

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