Sternberg sprach über „Der Christ ist kein Nationalist“

Dompropst Kurt Schulte (links) begrüßte Prof. Dr. Thomas Sternberg, Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, beim dritten Abend in der Reihe DomGedanken.

„Deutschland, Deutschland über alles, …“. Diese Anfangsworte der ersten Strophe des Deutschlandliedes, 1841 von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben verfasst, jagen einem heute einen Schauer über den Rücken. Das war nicht immer so. Zu seiner Zeit hatte das Lied noch keinen ab- und ausgrenzenden Charakter. Im Gegenteil. Denn „damals beschrieb es einen Kulturraum und keineswegs die staatliche Ordnung“, erklärte Professor Thomas Sternberg, Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), zu Beginn seines Vortrags am 5. September im voll besetzten Münsterschen St.-Paulus-Dom. Die Nazis hätten das Werk später zweckentfremdet und pervertiert.

Unter dem Motto „Der Christ ist kein Nationalist“ zeigte Sternberg aus Sicht eines Theologen auf, was es heißt, als Christ und Christin in einem Nationalstaat zu leben und jesuanisch zu handeln: „Gläubige Menschen brauchen nicht die Ersatzreligion des Nationalismus mit seinen verheerenden Folgen. Christsein heißt: weg von der Ich-Fixierung – auf den Anderen zugehen.“ Sternbergs Vortrag stand in der Reihe der diesjährigen DomGedanken mit dem Obertitel „Über Deutschland“.

„In Chemnitz wurde ein Mord instrumentalisiert zum hemmungslosen Hass auf Zuwanderer. Ich war im Urlaub erschrocken über die Nachrichten aus Deutschland“, gab der ZdK-Präsident einen privaten Einblick. „Wir können uns nur schämen, dass sich fremde Menschen bei uns in Deutschland nicht mehr sicher fühlen können.“ Und dass sich eine Partei, die im Deutschen Bundestag vertreten sei, an der Eskalation der Barbarei beteilige. So habe der Vorsitzende der AfD Alexander Gauland jüngst in einer Tageszeitung erklärt, „unser politisches System muss weg“ und seine Partei sei der Pfahl im Fleische eines politischen Systems, das sich überholt habe. „Die Parallelen zum Nationalsozialismus sind inzwischen überdeutlich“, warnte Sternberg und nahm die Anwesenden mit in die Pflicht, denn „hier in Münster hat sich Bischof von Galen mutig gegen das Euthanasieprogramm der Nationalsozialisten gestellt. An diesem Ort ist der Widerstand gegen die Barbarei Pflicht.“

Der aufkeimende dumpfe Nationalismus sei das Ergebnis einer Entwicklung, die mit dem kriegerischen Imperialismus Napoleons am Ende des 18 Jahrhunderts ihren Anfang nahm. Sei es anfangs noch der Kulturraum gewesen, der über eher „weiche“ Staatsgrenzen Identifikation stiftete, so wurden es zunehmend Sprache, Kultur und der Begriff „Volk“. Es habe sich der Gedanke von einer „Identität der Völker“ entwickelt, so Sternberg weiter, die zu einem bestimmten Staatsgebiet zugehörig seien. „In Deutschland geschah das in Absetzung von den Kulturraumvorstellungen des Deutschlandliedes unter Ausklammerung vieler immer kulturell als deutsch angesehener Gebiete. Und es führte zur zumindest tendenziellen Unterdrückung aller, die nicht in dieses Nationenkonzept zu passen schienen.“

Daher stelle sich nun die Frage: „Was meint Deutschland? Was ist deutsch?“ Und auch die Kirche musste sich diesen Fragen stellen, „obwohl sich die katholische Kirche nie national verstanden hat“. Seit der Reichsgründung 1871 verbinde die Deutschen als Staatsangehörige ein Schicksal, das gemeinsam zu erinnern, zu kritisieren und zu bewältigen sei. „Deutschland, das ist nicht zuletzt nach der Shoa und dem Krieg ein schwieriger Begriff geworden“, brachte der Präsident die Bedeutung der Vergangenheit für heutige Generationen und die daraus resultierende Verantwortung ins Spiel. Und ergänzte: „Eine gemeinsame Geschichte bedeutet gemeinsame Verantwortung.“

Und Deutsche seien nicht nur diejenigen, die sich in diesem Land seit mehreren Generationen aufhielten. „Nein. ‚Deutsches Volk‘ ist die Gemeinschaft der Menschen, die in diesem Land leben, dieser Gesellschaft ihre Gestalt geben. Zu diesem deutschen Volk gehören die vielen, die sich integriert haben, für die Deutschland Heimat geworden ist.“ Und es sei eine alte christliche Tradition, auch die Not der Fremden zu sehen. „Eine christliche Identität in unserem Land ist nichts Starres, Statisches, Unbewegliches; nichts, was durch Abschottung und Abwehr von fremden Einflüssen bewahrt und konserviert werden könnte“, betonte Sternberg sehr deutlich. Im Gegenteil. Sie müsse entwicklungsoffen und fähig sein, mit neuen Einflüssen und veränderten Rahmenbedingungen umzugehen.  

„Uns bewegt hier und heute die Frage: wie können wir den Glauben, der uns trägt, weitergeben? Wie können wir abseits von der bangen Frage, was denn nun deutsch sei, nach Gemeinschaft und Frieden über Grenzen hinweg suchen“, fragte der ZdK-Präsident die Anwesenden und gab gleich die Antwort: „Unser Leitbild bleibt die Offenheit und das Zugehen auf andere. Und unser Vaterland Deutschland können wir lieben, wie wir unsere Heimat lieben, aber ohne Abgrenzung und Ausgrenzung in dem offenen Bewusstsein, dass alle Menschen von Gott gerufen sind und niemand weniger oder mehr wert wäre.“

Die DomGedanken werden noch an zwei weiteren Mittwochabenden fortgeführt: Am 12. September geht es mit der Schriftstellerin Ulla Hahn um „Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt?“. Den Schlusspunkt setzt am 19. September Christian Kullmann, Vorstandsvorsitzender der Evonik Industries AG, mit „Für die freiheitlich-soziale Moderne – Verantwortungsethik als Schlüssel“.

An sämtlichen Abenden ist der Eintritt frei. Im Anschluss an die Vorträge sind die Zuhörerinnen und Zuhörer zum Austausch mit den Referenten eingeladen. Alle Termine werden live im Internet übertragen unter: www.bistum-muenster.de, www.paulusdom.de, www.katholisch.de, www.kirche-und-leben.de sowie unter www.youtube.com/user/BistumMuenster/live.

Text: Bischöfliche Pressestelle
Foto: Jürgen Flatken, Bischöfliche Pressestelle
07.09.2018

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