Historiker Rödder ermutigt zu Vertrauen in die Kraft Europas

Andreas Rödder, Professor für Neueste Geschichte in Mainz, während seines Vortrags im St.-Paulus-Dom.

Andreas Rödder, Professor für Neueste Geschichte in Mainz, während seines Vortrags im St.-Paulus-Dom.

Weder Panik noch Illusion sind mit Blick auf die Zukunft der Europäischen Union gute Ratgeber. Nötig seien vielmehr Vertrauen in die eigene Kreativität und in die Kraft der europäischen Idee. Das hat der Mainzer Historiker Andreas Rödder im Münsteraner Dom betont. Zwar stellte er bei seinem Vortrag im Rahmen der „DomGedanken“ fest: „Wir stehen vor den Trümmern unserer Erwartungen.“ Die EU habe gleichwohl durch ihre Vielfalt und ihre historischen Errungenschaften Zukunftspotenzial – wenn sie sich flexibel und offen zeige, keinen regulierenden Einheitsstaat anstrebt und Realismus, Kreativität und politischer Wille ausgebaut werden. „So weiter machen, wie bisher, das geht nicht“, machte Rödder deutlich.

Der 52-Jährige ist seit 2005 Professor für Neueste Geschichte an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz.

Was die EU erreicht hat – und was nicht

Um zukunftsfähig zu sein, müsse sich Europa auf das besinnen, was es erreicht hat. „Was 1945 niemand für möglich gehalten hat, ist eingetreten: Wir haben eine völlig neue Art des Umgangs miteinander gefunden“, sagte Rödder. In Krisen pflege Brüssel den Dialog, das Miteinander. Dazu komme der Beitrag zur Stabilisierung Ostmitteleuropas und Südosteuropas. „In Städten wie Riga oder Tallinn erfährt man Veränderungsdynamik und Veränderungsbereitschaft, von der das ‚Alte Europa‘ etwas lernen kann“, sagt Rödder.

Mit der EU gebe es mehr Demokratie und Rechtstaatlichkeit als ohne sie. Diese Norm sei zur Normalität geworden. Allerdings dürfe man die Augen nicht vor den Schwachstellen verschließen. So sei die EU kein „global player“ in der internationalen Politik. Alle Anläufe für eine europäische Verteidigungsgemeinschaft scheiterten immer wieder. Wenn es ernst werde, sei Europa uneins und international nicht handlungsfähig.

Integration wo sinnvoll, Rückbau wo nötig

Rödder beklagte zudem das Fehlen einer gemeinsamen, funktionierende Asyl- und Migrationspolitik: „Unterschiedliche Haltungen und politische Entscheidungen sowie sich überlagernde und blockierende Rechte verhindern das. Wir wissen nicht, wie wir mit Massenmigration nach Europa umgehen sollen. Der aktuelle Konflikt über Seenotrettung zeigt das.“

Der Historiker wünscht sich ein flexibles, offenes Europa, das bereit ist zur „Vertiefung der Integration, da wo sie sinnvoll, und zum Rückbau, da wo er nötig ist.“ Es gehe ihm um eine Union der europäischen Staaten, die sich auf ihre Kernaufgaben konzentriert, wo sie Mehrwert bringt. Ermutigende Ansätze gebe es bei der Mobilität, der Digitalisierung und der Handelspolitik.

Musikalisch gestaltete die Pianistin Sonja Kowollik die DomGedanken. Die Reihe setzt sich fort am 28. August, wenn um 18.30 Uhr Patricia Schlesinger, Intendatin des Rundfunks Berlin Brandenburg (rbb), über „Das europäische Ideal. Eine Reflexion über ethische Verbundenheit und innere Provinzen“ spricht.

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Text/Foto: Bischöfliche Pressestelle
22.08.2019

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