Bischof Genn: Das Leid ist nicht das letzte Wort

„Wir können nicht einfach über Leid, Schuld und Versagen hinweggehen, wir können es nicht einfach glattbügeln, aber wir können es auch nicht im letzten Wort einer absoluten, alten Gerechtigkeit auflösen.“ Das hat der Bischof von Münster, Dr. Felix Genn, am Karfreitag, 19. April im St.-Paulus-Dom in Münster bei der Feier vom Leiden und Sterben Christi gesagt. Der Bischof betonte in seiner Predigt: „Karfreitag birgt in sich das Geheimnis, dass selbst das Unverzeihliche verziehen werden kann. Es ist möglich, seit der auf dem Richterstuhl gesessen hat, der im Purpurmantel die Dornenkrone und die Wunden der Geißelung trug.“

Denn, so sagte der Bischof, der Text des Johannes-Evangeliums über das Gespräch von Pilatus mit Jesus sei nicht eindeutig zu übersetzen: Statt der üblichen Übersetzung, dass Pilatus sich auf den Richterstuhl gesetzt habe, lasse sich der Text auch übersetzen: „Pilatus setzte Jesus auf den Richterstuhl“. Diese Übersetzung mache deutlich, wer der wirkliche Richter sei, und der weitere Text zeige, dass Jesus für alle Völker der Erlöser sei.

In dem Leiden Jesu, so sagte Bischof Genn weiter, sei „das Leid nicht das letzte Wort, sondern Zeugnis von der Wahrheit, die Liebe ist.“ Derjenige, der von Pilatus auf den Richterstuhl gesetzt werde, sei derjenige, der die Waage Gottes in den Händen halte. „Und die ist auf Liebe geeicht. Da wird die Spannung von Gerechtigkeit und Barmherzigkeit nicht aufgehoben und aufgelöst, sondern ins Gleichgewicht gebracht“, sagte der Bischof. Jesus könne sich nicht auf den Richterstuhl setzen, um alles Leid und alle Ungerechtigkeit mit einem Federstrich glattzubügeln. Vielmehr werde er auf den Richterstuhl gesetzt, „weil er als Gegeißelter mit Wundmalen gezeichnet ist, weil er mit der Dornenkrone und dem Purpurmantel als der Verspottete gilt, weil er in dieser Szene gar nicht als der erkannt werden kann, der er in Wahrheit ist, nämlich der wirkliche König der ganzen Welt. Er wird aller Welt gezeigt, am Ende gar nackt ausgeliefert – und genau darin ist er der Erlöser von aller Schuld und allem Übel und von allem Bösen.“ Jesus, das betonte Bischof Genn, sei nicht einfach „in einem Sprung in den Ostersieg hineingefallen“, sondern: „Er hat bis ins Letzte das unsagbare Leid, den Kelch des bitteren Leidens ausgekostet, der ihm in dieser Stunde gereicht wurde.“


Text: Dr. Stephan Kronenburg
Foto: Bischöfliche Pressestelle
19.04.2019

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