Bischof Dr. Heiner Wilmer zu Gast im St.-Paulus-Dom

Es ist nicht nur das Brot, das als Nahrung das physische Überleben sichert, sondern vielmehr auch das Brot, das gereicht wird in der Not der Angst, was mit der Zeile "Unser tägliches Brot gib uns heute" des "Vater Unsers" gemeint ist. Das stellte Dr. Heiner Wilmer, Bischof von Hildesheim, am Mittwoch, 27. März, im St.-Paulus-Dom heraus. "Welches Brot hilft uns in der Not", fragte der Gast des dritten Geistlichen Themenabends, der sich der sechsten Zeile des Gebets verschrieben hatte.

"Jeder Mensch hat Angst. Und diese Angst ist im Gegensatz zur Furcht gegenstandslos, diffus", zitierte der gebürtige Emsländer den dänischen Philosophen und Theologen Søren Kierkegaard. Diese Angst sei es, die unfrei mache. "Die Freiheit, wählen zu können, lässt uns taumeln. Wir haben Angst, das Falsche zu tun und dann passiert genau das. Wir tun das Falsche. Das ist die Ursünde, durch die jeder durch muss", erklärte der Bischof von Hildesheim. Mit der Angst klar zu kommen, gehöre zum Leben. Die Menschen benötigten die Angst, weil erst sie dem Leben Wachstum und Größe verleihe. So stelle sich die Frage: "Wie können wir die Angst annehmen?"

Wilmer nahm die Zuhörerinnen und Zuhörer mit auf seine gedankliche Reise: "Wie ist Jesus mit Angst umgegangen in seiner letzten Stunde, am Kreuz hängend", fragte er und erklärte weiter: "Er betete den Psalm 22. Immer wieder. ‚Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen, bleibst fern meiner Rettung, den Worten meines Schreiens? Mein Gott, ich rufe bei Tag, doch du gibst keine Antwort; und bei Nacht, doch ich finde keine Ruhe. Aber du bist heilig, du thronst über dem Lobpreis Israels. Dir haben unsere Väter vertraut, sie haben vertraut und du hast sie gerettet. Zu dir riefen sie und wurden befreit, dir vertrauten sie und wurden nicht zuschanden.‘" Aus dieser Erinnerung schöpfe er die Kraft, erhalte er das Brot, das er in seiner Not brauche. "In der Erinnerung an das Vertrauen in Gott liegt Erlösung," fasste Wilmer zusammen.

Die Erinnerung alleine sei aber nicht das Brot, das tröstet und Antworten gibt in der Not der Angst. "Es geht auch um Wachstum. Wenn es ein Kriterium gibt für große Entscheidungen im Leben, dann ist es die Frage, wie ich daran wachsen kann", erklärte der 57-Jährige. "Wachsen an Weisheit und Reife." Jesus gehe in seiner letzten Stunde dem nach und wachse in seiner größten Angst.

"Unser tägliches Brot gib uns heute" könne man übersetzen als "Gib uns – rückblickend – die Erinnerung, die Erlösung bedeutet, und vorausblickend die Frage nach der Möglichkeit inneren Wachstums." "Damit wir dem Beispiel Jesu folgen und die Angst, die uns in ihrer Diffusität manchmal gefangen hält und lähmt, annehmen können. Denn sie verleiht dem Leben Größe."

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Text/Foto: Bischöfliche Pressestelle
28.03.2019

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