Von Nazis beschlagnahmte Glocke kehrt nach 77 Jahren nach Polen zurück

Hans Manek (links) und Prof. Dr. Thomas Flammer vor der Glocke, die im Innenhof des Kirchengerichts steht.

Hans Manek (links) und Prof. Dr. Thomas Flammer vor der Glocke, die im Innenhof des Kirchengerichts steht.

Es ist schon eine kleine Sensation: Jahrzehntelang fiel sie niemandem auf, jetzt löst eine alte Glocke aus dem Jahr 1555, im Innenhof des Kirchengerichts, dem Bischöflichen Offizialat am Domplatz, wahre Glücksgefühle bei den Mitgliedern einer Kirchengemeinde in Polen aus. „Nach 77 Jahren bekommen wir unsere Glocke wieder“, sagt Hans Manek, der mit leuchtenden Augen vor der 400 Kilogramm schweren Glocke steht. Seit zwei Jahren ist die Gemeinde Heilige Katharina aus Alexandrien in Sławięcice – früher Ehrenforst im Kreis Cosel in Oberschlesien –, auf der Suche nach „ihrer“ Glocke. Jetzt ist alles unter Dach und Fach: Sobald die Corona-Pandemie es zulässt, soll sie von Münster nach Polen gebracht werden.

Zwei Jahre – für die polnischen Katholiken, die so intensiv nach der verloren geglaubten Glocke gesucht hatten, eine gefühlte Ewigkeit. Doch kein Vergleich zur langen Geschichte der Glocke, die im Zweiten Weltkrieg eine schicksalhafte Wendung erfuhr. Im Deutschen Reich mussten alle Kirchen – auch die schlesische Gemeinde – ihre Glocken abgeben, weil sie wegen ihres Bronzeanteils zum sogenannten „kriegswichtigen Material“ zählten. Man wolle „für eine Kriegsführung auf lange Sicht erforderliche Metallreserven schaffen“, hieß es damals. Lediglich eine Glocke sollte im Schnitt pro Gemeinde verbleiben.
Rund 80.000 Glocken wurden während des Krieges von der deutschen Rüstungsindustrie zu Waffen und Munition verarbeitet.

Doch einige Glocken überstanden auf dem zentralen Glockensammelplatz in Hamburg, auch Glockenfriedhof genannt, den Zweiten Weltkrieg. Monatelang wurden nach Kriegsende Gussdaten, Verzierungen und Inschriften dokumentiert, Schwarz-Weiß-Fotos gemacht. Ein „Schatz“, der 1966 ins Glockenarchiv ins Germanische Nationalmuseum nach Nürnberg übersiedelte.

Längst waren die meisten der übriggebliebenen Glocken in ihre Heimatgemeinden zurückgeführt worden. Nicht aber die rund 1.300 Glocken aus den ehemaligen Ostgebieten. Die britische Militärregierung hatte die Rückgabe untersagt. Doch in Hamburg konnten sie auch nicht bleiben, also wurden sie als sogenannte Patenglocken an westliche Kirchengemeinden ausgeliehen. „Auch das Bistum Münster hat mehrere Glocken zugesprochen bekommen“, weiß Professor Dr. Thomas Flammer, Leiter der Abteilung Kunst und Kultur im Bischöflichen Generalvikariat in Münster. Drei von ihnen lagern seit vielen Jahren im Innenhof des Kirchengerichts. Ursprünglich waren sie für die Diözese Aachen bestimmt. Warum sie in Münster strandeten, lässt sich heute nicht mehr nachvollziehen.

Hans Manek, der gebürtig aus Sławięcice stammt und seit einigen Jahrzehnten in Rommerskirchen lebt, freut sich, dass sich der jetzige Pfarrer Marian Bednarek auf die Suche nach der Glocke gemacht hat. „Ihm war das Buch ‚Leihglocken‘ von Marceli Tureczek in die Hände gefallen, darin war die Glocke abgebildet.“ Über eine Kennziffer in dem Buch bekam der Pfarrer heraus, dass sich die Glocke – Stand 2011 – in Münster befindet. Pfarrer Bednarek kontaktierte Manek in Rommerskirchen, der wiederum Kontakt mit dem Bischöflichen Generalvikariat aufnahm. Flammer berichtet: „Mein damals zuständiger Kollege Michael Gerding musste sich erstmal auf die Suche nach der Glocke machen.“ Doch er blieb dran, verglich Kennziffern – und konnte Manek schließlich die freudige Nachricht überbringen. „Als wir dann nach 77 Jahren die ersten Fotos von unserer Glocke zugeschickt bekommen haben, waren wir alle überwältigt – vor Freude“, erinnert sich Manek.

Die Suche war damit abgeschlossen, doch die Glocke noch nicht wieder in Polen. Es galt und gilt bürokratische Hürden zu überwinden. Denn offiziell ist die Glocke im Besitz der Bundesrepublik und kann nur mit einem Einverständnis des Bundesinnenministeriums zurückgegeben werden. „Unser Verhandlungspartner in Glockenfragen ist das katholische Büro in Berlin“, sagt Flammer. Es vergingen Monate, in denen die Papiere zur Prüfung auf den Schreibtischen der dort Zuständigen lagen, das Innenministerium die Übernahme der Kosten klären musste und ein Vertrag aufgesetzt und übersetzt werden musste. Vor zwei Wochen gab Berlin schließlich grünes Licht: „Es gibt jetzt einen Dauerleihvertrag zwischen dem Bistum Münster und der Gemeinde in Sławięcice“, erklärt Flammer. Der Diözesankonservator freut sich mit den polnischen Katholiken: „Schön, dass die Glocke wieder an ihren Ursprungsort zurückkehrt.“ Jetzt heißt es nur noch warten, bis die Ländergrenzen wieder ohne großes Risiko passiert werden können. Doch Hans Manek hat keine Eile: „Nach 77 Jahren kommt es auf einen Monat mehr oder weniger auch nicht mehr an.“

Text: Ann-Christin Ladermann, Bischöfliche Pressestelle
Foto: Bistum Münster

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