Prof. Dr. Christiane Woopen sprach bei den "Domgedanken"

Prof. Dr. Christiane Woopen hat bei den „DomGedanken“ über die Ethik einer neuen Normalität gesprochen.

Prof. Dr. Christiane Woopen hat bei den „DomGedanken“ über die Ethik einer neuen Normalität gesprochen.

Die neue Normalität sollte mehr sein, als sich an ein Leben mit dem Corona-Virus zu gewöhnen, sagt Prof. Dr. Christiane Woopen: „Zu einer neuen Normalität, die Hoffnung bedeutet, gehört es, Gewohntes gründlich zu überdenken und eine neue Sicht auf das zu werfen, was unser Leben ausmacht.“ Was genau sie damit meint, erläuterte die Professorin für Ethik und Theorie der Medizin an der Universität Köln am 2. September bei den „DomGedanken“ im St.-Paulus-Dom. Die Vortragsreihe beleuchtet in diesem Jahr aus unterschiedlichen Perspektiven das Thema „Zurück zum Leben mit Corona – Fünf Abende der Hoffnung“.

Der Atem als Bild für Freiheit und Leben zog sich wie ein roter Faden durch Woopens Beitrag. Die Medizinethikerin zweifelte an, ob ein Zurück zum Leben vor Ausbruch der Corona-Krise wirklich wünschenswert sei: „Gab es nicht auch vor der Pandemie allzu viel Atemlosigkeit?“ Als Beispiele nannte sie die Atemlosigkeit durch Rassismus und Diskriminierung sowie durch eine globale Wirtschaft, in der Menschen unter unwürdigen Arbeitsbedingungen leiden. Hinzu komme die Atemlosigkeit durch politische Systeme.

Aus ihrer Sicht, bedauerte Christiane Woopen, werde zu wenig und nicht laut genug über die Möglichkeit nachgedacht, das Virus durch regelmäßige und nicht so aufwändige Tests in den Griff zu bekommen. So könnte man beispielsweise jedes Schulkind vor dem Unterricht testen und jeden Fußballfan vor dem Stadionbesuch. Aus zeitlichen Gründen ging die Medizinethikerin im Dom nicht ins Detail, fügte jedoch an: „Natürlich ist eine solche Strategie mit Herausforderungen verbunden, die Infrastruktur und die Produktionskapazitäten müssten aufgebaut werden – und die Menschen müssten mitmachen.“ Ihr seien aber bislang keine unüberwindbaren Hürden für eine solche Strategie bekannt: „Vernünftig ausgeweitete Tests würden die Hoffnung rechtfertigen, in größerer Freiheit, als wir es jetzt haben, atmen zu können.“

Im Hinblick auf das für sie immer rücksichtslosere Verhalten der Menschen gegenüber der Umwelt forderte der Gast aus Köln eine Haltung, die sich von einer Konzentration auf die finanziellen Ergebnisse abwendet und die Optimierung der sozialen, ökonomischen und ökologischen Nachhaltigkeit in den Mittelpunkt stellt: „In der neuen Normalität sollten wir die Natur atmen lassen.“

Überhaupt in Freiheit atmen zu können, betonte Woopen, sei zuallererst eine Frage des politischen Systems: „Die streitbare Demokratie ist die Staatsform, die ein Leben in Freiheit am besten gewährleisten kann.“ Wie wenig selbstverständlich die Demokratie sei, hätten die Bilder vom Wochenende aus Berlin gezeigt: „Nicht nur der Staat muss uns schützen, auch wir müssen den Staat stützen. Wir müssen Flagge zeigen – und zwar die Flagge der Freiheit.“

Ein politisches System entstehe in den Köpfen und Herzen der Menschen, werde durch sie getragen. Dabei komme der Bildung eine besondere Bedeutung zu, führte Woopen aus: „Bildung heißt, Räume zu öffnen, in denen jeder Einzelne auf der Grundlage fundierter Informationen eigenes Wissen und selbstständiges Denken entwickeln kann.“ Bildung brauche zudem Beziehung. Bildung so verstanden, ergänzte die Medizinethikerin, wirke sozialer Ungleichheit und Vorurteilen entgegen. Gerade auf Solidarität sei die Gesellschaft in dieser Zeit angewiesen: „Für die Zukunft Deutschlands und Europas ist es unverzichtbar, dass die europäische Union stärker zusammenwächst, gemeinsam denkt und handelt.“ Bildung, blieb Woopen im Bild, heiße, geistiges Atmen zu lernen.

Die Professorin hat die Hoffnung, dass die Menschen durch die Pandemie innehalten und noch einmal neu miteinander darüber sprechen, was es bedeute, ein wahrhaft freies Leben zu führen: „Ein Leben nicht nur der äußeren, sondern auch der inneren Freiheit; ein Leben in einer Gesellschaft, in der jeder Mensch nicht nur verfassungsrechtlich garantierte Grundrechte, sondern auch tatsächlich dieselben Freiheiten hat; ein Leben in einer Welt, in der wir auch die außermenschliche Natur atmen lassen, damit die Menschen in Harmonie und Dankbarkeit mit ihr leben“.

Den Abschluss der „DomGedanken“ setzt am 9. September Claudia Nemat, Vorstandsmitglied für Innovation und Technologie bei der Deutschen Telekom AG. Sie widmet sich dem Thema „Aus der Krise lernen: Technologie für eine lebenswerte Zukunft“. Beginn ist um 18.30 Uhr im St.-Paulus-Dom.


Text: Gudrun Niewöhner, Bischöfliche Pressestelle
Foto: Jakob Kuhn, Bischöfliche Pressestelle

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Der Dom ist werktags von 6.30 bis 19.00 Uhr und sonntags von 6.30 bis 19.30 Uhr geöffnet.

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