Das Triptychon in der südlichen Turmkapelle

Das geöffnete Triptychon in der südlichen Turmkapelle des Domes.

Mit dem Thema der Pietà, der Beweinung des vom Kreuz abgenommenen Erlösers, und der Auferstehung schuf der bei Orvieto lebende Künstler Thomas Lange ein großformatiges Triptychon für den Dom, das er in nuancierter Farbigkeit ausführte. Die Heilsbotschaft wird in diesem Gemälde vom Künstler in ihrem Sinngehalt differenziert interpretierbar gestaltet und in zeitüberdauernder Aktualität dargestellt.

In prägnant naturalistischer, den Betrachter unmittelbar berührender Darstellung ist der vom Kreuz abgenommene Christusleib im Vordergrund des Gemäldes angeordnet. Der Leichnam Christi wirkt auf den ersten Blick autonom, gleichsam wie schwebend, der Betrachter nimmt jedoch beim zweiten Hinsehen sofort die umrisshafte Gestalt Mariens wahr, auf deren Schoß der tote Christus ruht. Maria beugt sich nach vorn und betrauert ihren toten Sohn.

"Lebhafte" Präsenz

Der bärtige Christus, dessen herabgesunkener Kopf und herabhängender Arm auf dem linken Flügel des Triptychons erscheinen, wölbt sich mit seinem Leib dem Betrachter entgegen, während die Beine in perspektivischer Verkürzung in den Bildgrund hineinragen und der linke Arm von der Seite vor den Schoß geführt ist. Die Christusgestalt gewinnt so eine ungewöhnlich starke und "lebhafte" Präsenz im Bild. Unterhalb des Körpers erstreckt sich eine blauschwarze Bildfläche, die die Sphäre des Todes kennzeichnet, über der sich der bleiche Leichnam ausbreitet. Die Mariengestalt in ihrer linearen, zugleich silhouettenhaften Wiedergabe bietet eine zurücktretende Folie: Das herabblickende Gesicht, das Kleid, der Mantel und das Kopftuch, ihre rechte Schulter und der stützende linke Arm sowie das fast völlig zurücktretende rechte Bein, auf dem Christus ruht, sind in einer feinen Bedeutungsabstufung zurückhaltend, gleichwohl subtil gestaltet und drücken eindringlich die Trauer über den toten Sohn aus. Über dem Kopf Christi weist eine beige-rötliche, mit blau durchsetzte Fläche wie ein weitgehender Landschaftsausblick in die Ferne. Unmittelbar über dem Christuskopf sind markierte blaue Kreuze als Symbole des Kreuzestodes zu erkennen.

Betrachtet man die Pietà, so ist der Leib Christi, dessen vorausgegangenes Leiden für die Menschen am Kreuz noch im Tode erlebbar wird, vom Künstler kompositorisch und malerisch als zentraler Bildinhalt der unteren Bildsphäre herausgearbeitet worden. Der Betrachter wird eindringlich aufgefordert, sich in die Trauer zu versenken und in dem toten Christusleib die Liebe des Herrn zu erkennen, der am Kreuz gestorben ist.

Lichtgestalt des auferstehenden Christus

Hinter der Pietà steigt in einer eindrucksvollen Szenerie die Lichtgestalt des auferstehenden Christus empor. Während die übereinander geschlagenen Beine gleichsam aus dem toten Christuskörper erwachsen, drückt sich der Oberkörper mit den prägnant gewölbten Schultern neben der Mariengestalt empor, wobei der Kopf Christi auf seiner rechten Schulter ruht. Maria scheint in doppelter Funktion mit einer Hand das linke Bein des Aufsteigenden zu umgreifen. Eine über der Figur erscheinende Gottesgestalt empfängt den Auferstandenen in der himmlischen Sphäre. Dies wird malerisch in feinsinniger Weise unterstrichen. Sind die Beine Christi in ihrer schwarzblauen Färbung noch der unteren Zone zugehörig, so bilden die subtil abgestuften blauen bis hellblauen und weißen Töne sehr beziehungsvoll die Sphäre der Auferstehung aus. Die silhouettenhafte Gestalt Gottvaters darüber und die durchlässig gestaltete, helle "überirdische" Fläche des Himmels geben eine neue Dimension an. Am rechten Bildrand wird das Aufstreben durch eine blaue Lichterscheinung, die in einem Kreisgebilde endet, unterstrichen.

Das Gemälde verbindet figurative Elemente mit einer informell-abstrahierten Farbkomposition. Die thematische Grundaussage des Bildes ist vom Künstler zum einen durch eine eindringliche Sprache der Körperhaltungen und zum anderen in einer subtilen malerischen Modulation der Leiber zum Ausdruck gebracht worden. Der Oberkörper und der Kopf Christi sind locker, aber höchst nuanciert durchgebildet. Der Christuskörper mit seiner kraftvollen Gestaltung zeugt noch im Tode von der Lebensintensität und weist damit zugleich auf die Auferstehung des Fleisches voraus. Die Haltung Mariens ist trotz ihrer Silhouettenhaftigkeit von intensivem Eindruck. Ihre Trauer kann auch allgemein als menschliche Trauer über den Tod eines geliebten Menschen interpretiert werden. In eindrucksvoller Form ist die Sphäre des Überganges gebildet mit der sich lösenden "leibhaftigen Lichtgestalt", die gleichsam zu strahlen scheint und in ihrer Leiblichkeit die überirdische Schönheit des unendlichen Lebens verkörpert. Christus wird als ganzer Mensch in seiner Einheit von Körper und Seele in den Himmel aufgenommen. Die Christusgestalt ist nach der Intention des Künstlers zugleich in ambivalenter Form als Darstellung des heutigen Menschen zu verstehen und verdeutlicht damit die Auferstehung des Fleisches und das ewige Leben in Gott. Behütend erscheint die empfangende Geste der linienhaft angegebenen Gestalt Gottvaters.

Gestalt Gottvaters

Die die Körper umgebenden und teilweise überspielenden Begleitflächen sind besonders fein abgestuft und prägen den Gesamteindruck entscheidend mit. Der Künstler arbeitet hier mit feinen farbigen Tiefenschichtungen, aber auch linienhaften Farbverläufen, die sich durchdringen und gegenseitig verfeinern und steigern. Sie gehen zugleich eine enge Verbindung mit den figuralen Bildelementen ein. So wird der zentrale Teil ganz unten in der Sphäre des Todes durch blauschwarze Tönungen bestimmt, in die die darüber sich erhebende blaue Fläche bereits mit herab gelaufenen hellblauen Farbstrichen eindringt. Ganz oben ist ein durch senkrechte blaue Streifen und blaue Querstreifen sowie kleine Farbpunkte gekennzeichnete Blautönung über beige-sonnenhellem Grund bestimmend. Am rechten Triptychonteil wächst über dem schwarzen Grund, beige-gelb durchdrungen, ein blauer Farbnebel hervor. Kleine blaue Farbschichten über dem Kopf Christi im linken Triptychonteil sind bereits von beige-rötlichen Farbpartien durchsetzt. Im oberen Drittel ist hier gleichsam eine nuancenreiche, farblich differenzierte Landschaft entstanden, die wie ein von Sonne bestrahltes Meer mit rötlichem Firmament erscheint.

Im zugeklappten Zustand wird bei dem Triptychon das obere Viertel erneut durch die Gestalt Gottvaters bestimmt. Die zweigeteilte Tafel wird durch beige, braune und rötliche Töne beherrscht. Es erscheint eine einheitlich durchgängige Komposition, ähnlich wie bei der Hauptschauseite. Ganz links ist in Ganzfigur die auf einem Thron sitzende, wie schwebend wirkende, überdimensional große Gestalt Christi zu erkennen, der auf den Betrachter blickt. Auf sein rechtes Knie lehnt sich ein Mensch, vielleicht Adam als Urtyp des sündigen Menschen, der in einem sicherlich auf Sündhaftigkeit, Hölle und Verderbnis weisenden Rotton erscheint. Nach Aussage des Künstlers ist hier der sündhafte Mensch dargestellt, der hinab in die Tiefen des Daseins blickt, der aber von Christus aufgefordert wird, gemeinsam mit den Menschen des Erdkreises nach oben zum Himmel zu blicken, wo das ewige Seelenheil und die paradiesische verklärte Schönheit auf den Menschen wartet. Erneut sind die Körperhaltungen von feinem, den Betrachter anrührenden Pathos von Innerlichkeit und subtiler Beziehung untereinander gekennzeichnet. Der Mensch lehnt sich an Christus an, womit darauf hin gedeutet wird, dass er nur so gerettet werden kann: Christus kann ihm die Erlösung aus dem sündigen irdischen Leben bieten.

In seiner großartigen Transzendenz und seiner gleichzeitigen irdischen Verwurzelung ist das Triptychon sicher eine der großartigsten Schöpfungen im Werk des Künstlers Thomas Lange. In künstlerisch philosophischer Weise hat sich Thomas Lange - wie in vielen Arbeiten seines Œuvres - dem Heilsgeschehen genähert. Er stellt die irdische Verhaftetheit und die gelöste Transzendenz gleichermaßen dar und strebt zugleich einen den Menschen unmittelbar betreffenden aktualisierenden Rückbezug zum eigenen Leben an. So lässt er die überirdische Wirklichkeit intensiver erfahrbar werden.

Der Künstler

Thomas Lange wurde 1957 in Berlin geboren. Er absolvierte dort an der Hochschule der Künste sein Studium bei Wolfgang Petrik und Herbert Kauffmann. 1982 Meisterschüler bei Herbert Kauffmann, erhielt er 1983 ein Stipendium der Karl-Schmidt-Rottluff-Stiftung in Berlin. 1986 wurde er mit einem Lehrauftrag an der Universität Marburg betraut, 1988/89 war er Lehrbeauftragter an der Hochschule der Künste in Berlin. Thomas Lange arbeitet hauptsächlich auf seinem Landsitz in Fornovecchino bei Orvieto in Italien sowie in Berlin. Seit 1975 hat er in zahlreichen nationalen und internationalen Ausstellungen sein Œuvre präsentiert.

Seine ersten Erfolge hatte Thomas Lange Ende der 70er/Anfang der 80er Jahre im Zusammenhang mit den "Neuen Wilden" (Salome, Fetting, Baselitz, Lüpertz u.a.), die weltweit zu Ausstellungen führten. Die Kunst Thomas Langes war und ist die Umwandlung einer individuellen Botschaft in eine allgemeingültige. Seine sich zur Figuration bekennende Malerei weist ihn als Individualisten aus, der den Menschen mit all seiner Befindlichkeit und Eingebundenheit in den tradierten Kontext abendländischer und christlicher Ikonographie in den Mittelpunkt seiner Arbeit stellt. Auch wenn eine Bedingung seiner Malerei der Mensch und seine Darstellung ist, verfallt er nicht in Naturalismus oder Realismus, es sei denn in einen psychologischen Realismus. Seine Malerei ignoriert nie die Kraft der Abstraktion und die Figur erscheint so, eingebunden in den informellen Grund, oft als Assoziation, die erst auf den zweiten Blick erkannt zu werden scheint, der Zufallsentdeckung in einem Schimmelfleck oder einem Freskenfragment gleich. Mythologische und in jüngster Zeit immer mehr christliche Prototypen menschlicher Daseinsbedingung dienen seiner Motivfindung - Il Santo Momento - Madonna mit Kind - Orpheus und Eurydike - Sündenfall und Vertreibung aus dem Paradies-Pietà.

In seinen Adaptionen begibt sich Lange auf die Zeitreise und aktualisiert die antiken Figuren zu Zeitgenossen und Spiegelbildern der eigenen Psyche und der des Betrachters.

Unter diesen Aspekten sind nicht nur verschiedene Ausstellungen mit thematischem Bezug entstanden, sondern auch "Kunst am Bau"-Projekte im öffentlichen und kirchlichen Raum. Im neuen Museum am Dom in Würzburg nehmen malerische Gestaltung und figürliche Plastiken zum Thema der Vertreibung aus dem Paradies einen ganzen Raum ein. Ein wichtiger Schwerpunkt im Werk von Thomas Lange sind die theologischen Fragestellungen, die, wie bereits angedeutet, immer wieder aktualisiert und Bezug zu Ängsten und Hoffnungen bieten. Die Sündhaftigkeit des Menschen und die Erlösung in Gott sind elementare Bestandteile einzelner Gemälde, figuraler Gestaltungen oder Bilderzyklen, die z. T. auf Leinwand, aber auch auf wieder verwendeten Materialien wie historischen Holztüren, Latten, Beplankungen, Drahtgeflechten, Pappen und Eternitwellen erscheinen.

Stiftung einer Münsteranerin

Das neue Werk Thomas Langes für den Dom zu Münster mit dem Thema "Pietà und Auferstehung" zeugt davon, dass auch in unserer Zeit bedeutende künstlerische Gestaltungen zu christlichen Themen von Künstlern geschaffen werden und die über Jahrhunderte gewachsenen Ausstattungen unserer Kirchen und Kathedralen bereichern können. So werden die Menschen in unserer Zeit unmittelbar angesprochen. Mit seiner figurativen Gestaltung, die traditionelle Bildthemen mit modernen künstlerischen Kompositions- und Maltechniken verbindet, verschmilzt das figürlich-bildliche Element mit dem Mystisch-Geheimnisvollen als Grundprinzip aller Heilstatsachen.

Der Sockel des Triptychons ist nach Entwürfen des Dombaumeisters, Herrn Dipl. Ing. Georg Wendel, aus Baumberger Sandstein gefertigt. Das Triptychon wurde durch eine großzügige Stiftung einer Münsteraner Bürgerin, die ungenannt bleiben möchte, finanziert, der das Domkapitel zu großem Dank verpflichtet ist. Gleichzeitig sei auch Herrn Domkapitular Dr. Jürgen Lenssen vom Bistum Würzburg gedankt, da durch ihn die Kontakte zu Thomas Lange hergestellt wurden.

Text: Udo Grote
Fotos: Michael Bönte, dialogverlag
Februar 2004

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