Rheinische Post: Die Klangschönheit des Knabenchors

Die Geistliche Abendmusik in St. Nicolai in Kalkar ist immer ein Publikumsmagnet. Und auch dieses Mal war die Kirche bis in die Seitenschiffe hinein gut besetzt. Die so zahlreich erschienenen Zuhörer freuten sich auf die Capella Ludgeriana, den Knabenchor am Dom zu Münster, unter der Leitung von Domkapellmeister Alexander Lauer und der Begleitung von Domorganist Thomas Schmitz. Die Knaben zwischen Grundschul- und Abituralter erschienen fein in Hemd und Krawatte; manche mit langen Haaren, was den gut 50 Sängern bei aller ehrwürdigen Präsenz einen modernen Touch gab.

Nach dem beeindruckenden Orgelvorspiel von Mendelssohn Bartholdys "Was mein Gott will, das g'scheh allzeit" liefen die Jungen zum Introitus zum dritten Fastensonntag "Oculi mei semper ad Dominum" vom hinteren Teil der Kirche ein. Bereits hier deuteten sich ihr Bewusstsein für deutliche Aussprache und Artikulation und ein feiner Klangsinn an. Von vorne wurden "Herr sei gnädig" von Mendelssohn Bartholdy sowie Palestrinas "Sicut cervus" intoniert. Der Spannungsboden wurde im modernen "Kyrie Eleison" des zeitgenössischen Komponisten Piotr Jánzcak (*1972) bis zum aufgelösten Ende ausgekostet, das "Kyrie" darin geradezu herausgestoßen als Kontrastpunkt im Programm. Nach einem Wechsel auf die Orgelempore setzten die Knaben mit präzisem Klang ihre Stimmen gekonnt auf die Orgelbegleitung zu Johann Ludwig Bachs "Unsere Trübsal" oder John Rutters "The Lors is my shepherd".

Eine Uraufführung fand mit dem "Magnificat" des Kalkarer Kantors Jan Szopinski statt, der dieses Stück eigens für diesen Anlass geschrieben und das die Knaben seit Januar einstudiert hatten. Im Wechselspiel von der Orgel, dem großen Knabenchor vorne und vier Stimmen von hinten entstand in der harmonischen wie bewegenden Komposition eine schöne Echowirkung. So kam der Text aus dem Lukas-Evangelium "Magnificat anima meam dominum" ritornellartig zwischen solistischen Passagen besonders zur Geltung. Hervorzuheben ist die Leistung der Solisten, wie die des Altus in Mendelssohn Bartholdys "Herr, wir trau'n auf deine Güte" oder des wunderbaren Knabensoprans in Meir Finkelsteins hebräischem "L'dor vador" ("von Generation zu Generation").

In erster Linie hat die Interpretation durch einen Knabenchor einen nicht zu unterschätzenden Vorteil gegenüber der Darbietung durch einen gemischten Chor: Der Text wird in grandioser Schlichtheit und Geradlinigkeit in der Transparenz des Gesangs der Knaben reflektiert.

Die sorgfältig einstudierte Wiedergabe der Capella Ludgeriana prägte Würde und wohl dosierter Ausdrucksernst. Für wuchernde Romantizismen blieben die Türen geschlossen und die hallige Akustik der Nicolai-Kirche stand der deutlichen Diktion des Chors nicht entgegen, sondern unterstrich sie im Gegenteil. Insgesamt ein klanglich fein und klar gestaltetes Beispiel der Klangschönheit eines Knabenchores, für das es prompt minutenlange, stehende Ovationen gab.

Text: Rheinische Post, Barbara Mühlenhoff
23.03.2017

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